Die Digitale Bohème wohnt hier nicht mehr
Vor ein paar Jahren oder vor ein paar Monaten, in einer Zeitepisode die auf jeden Fall vorbei ist, kamen jeden Tag mit den Hufen scharrende Journalisten in das Sankt Oberholz in Berlin Mitte und hielten Ausschau nach jungen und mitteljungen Menschen die in Notebooks reinguckten und dabei Getränke tranken. Diese Leute hatte
irgendwerentweder Sascha Lobo oder (Was-macht-eigentlich) Holm Friebe Digitale Bohème getauft, weil sich das irgendwie verwegen und neu und interessant anhörte und weil es irgendwie in die Zeit passte, eine Zeit die man jetzt wohl offensichtlich die so genannten Nuller Jahre nennt. All diese Leute hatten “einen Blog” und arbeiteten an “Projekten” und waren “vernetzt” und “kreativ”. So stand das in Artikeln. In einem Artikel stand gar, dass sich die Laptops hier stapeln würden - was natürlich vollkommener Blödsinn ist, denn Laptops kann man nur stapeln wenn sie zugeklappt sind und selbst dann würde es niemand machen weil man so die Laptophüllen zerkratzt.Ende November 2009 sitzen immer noch so Leute hier rum. Die gucken immer noch in Computer und trinken immer noch Getränke. Einzig: Niemanden auf der ganzen Welt scheint das zu interessieren. Weil das jeder macht. Jeder ist bei Facebook. Jeder. Wenn das jemand bezweifelt, kann er gerne die Twitteraccounts einer kleinen asiatischen Journalistengruppe - die ich gerade mit durch Berlin und Bonn begleiten darf - genannt bekommen. Wenn Leute in Buthan (Buthan! Fernsehen erst seit ein paar Jahren. Handys erst seit ein paar Jahren) bei Facebook sind, dann ist das Internet, dann sind Blogs und Facebook, dann ist dieser ganze Kram angekommen. In der Welt. In der Wirklichkeit. Die digitale Bohème braucht es nicht mehr. Es hat sie auch nie gegeben. Es ging immer nur um ein paar Computer, um eine stabile Internetverbindung, um Kaffee und um das Abstalken von gutaussehenden Menschen am Tisch nebenan.







